Die Dunkelheit hat keine Farben

26/11/2019

Ihr Lieben,

endlich ist es soweit.

Wir veröffentlichen unsere erste Nummer, ein Einstieg in mein am 28.2.2020 erscheinendes drittes Album „Alles Bleibt“. Damit das Warten nicht zu lange wird.

Die Dunkelheit hat keine Farben

Wir beginnen mit der Dunkelheit, von der aus man dann gut das Licht sieht. Man könnte auch sagen: man muss zuerst den Boden berühren, um springen zu können.

Ich hab vor ein paar Jahren den Boden berührt, und hab einige Zeit gebraucht, um aufzustehen, geschweige denn loszuspringen. Obwohl ich von lieben und klugen Menschen umgeben war, obwohl der Zeitpunkt in meinem Leben einer war, der mit Glück und Freude assoziiert wird, obwohl ich in Sicherheit war, war ich plötzlich mitten drin, im großen tiefen Schwarz.

Ich hatte eine gesunde, wunderbare kleine Tochter geboren. Die Geburt war schrecklich gewesen, meine Erschöpfung unermesslich, ich konnte aber trotzdem nicht schlafen. Die ersten 10 Nächte nach der Geburt habe ich wachend verbracht, und die einzige Zeit, in der ich mich entspannen konnte, war jene, als mein Mann die Kleine in seinen Armen herumgetragen hat. Ich dachte: jemand muss sie die ganze Zeit bewachen. Anschauen. Ihren Herzschlag spüren. Damit sie weiterlebt, überlebt, lebt. Dabei war sie ein kräftiges Wesen, kräftiger als ich, so zart und doch so robust. Aber in mir war kein Vertrauen, sondern nur tiefe schwarze Angst. Angst, dass meine Tochter zu atmen aufhört. Angst, dass es keine Sicherheit gibt und dass jede Nacht ungeahnte Gefahren in sich birgt. Angst vor der Dunkelheit. Das Licht, das mich auch umgab, konnte ich nicht spüren.

Die Konzerte, die schon geplant waren, auch tatsächlich zu spielen, das war in dieser Zeit unvorstellbar. Überhaupt: die Kraft zu haben, irgendetwas anderes zu tun als das unbedingt Notwendige, unvorstellbar.

Ich erholte mich langsam, aber nicht nachhaltig, und als ich einige Monate später einer engen Freundin von einer kürzlich erlebten Angstattacke erzählte, gab sie mir die Nummer ihrer Therapeutin. Und die klare Anweisung, sie sofort nach dem Auflegen anzurufen. Ich werde ihr immer dankbar sein für die Bestimmtheit, mit der sie gesagt hat: es reicht, Violetta!

Jetzt, einige Jahre später, kann ich über diese Zeit meines Lebens lachen und, während ich dies hier schreibe, auch weinen, und weiß, dass es gut war, dass ich viel gelernt hab, dass ich empathischer und mutiger und klarer geworden bin. Vielleicht ein bisschen mehr ich.

Ich hab lange darüber nachgedacht, wie viel ich zu dem Lied erzählen soll. Es gibt so ein unangenehmes Mitleid, das einem manche Menschen entgegen bringen, wenn man einen Riss in der eigenen, souverän gehaltenen, Oberfläche zeigt. Das will ich nicht, es wird weder dem Gefühl, von dem ich singe, noch mir selbst gerecht. Gleichzeitig bin ich Anderen dankbar, wenn sie sich trauen, von ihrer Angst und ihrer Trauer zu erzählen, wissend, dass es sie nicht schwach macht, sondern stark. Also trau ich mich.

Ich hätte dieses Lied nicht schreiben können, wenn das Dunkel nicht vorbeigegangen wäre. Vielleicht streut es jetzt ein bisschen Zuversicht und Empathie. Das würde mich freuen.

Hier ist der link, der zum Song auf verschiedenen Plattformen führt.

Die liebsten Grüße,

Violetta