…meine verschiedenen Rollen und ihre Vereinbarkeit

18/07/2020
©Kristin Gruber

Ich kann nicht nur „nicht mehr sein als ich bin“. Ich kann auch nicht in einem Moment alles, was ich bin, gleichzeitig umsetzen. Niemand kann das. Und das ist auch gut so, weil manche Dinge unsere volle Aufmerksamkeit verdienen.

Liebes Publikum,

ich hab euch ja einen blog-Eintrag versprochen. Denn mitten im Konzert, zwischen zwei Songs, bin ich ein paar Schritte von der Bühne weg gegangen. Ich musste kurz mit meinen Kindern reden. Das war nicht aufschiebbar, und hatte mit dem Konzert zu tun. Wieder auf der Bühne hab ich euch kurz davon erzählt, dass diese Rollen nicht zu vermischen sind: die Mutter und die Frau auf der Bühne. Auch wenn ich in beiden Fällen ganz ich bin.

Im Laufe der Jahre habe ich mir oft überlegt, ob ich mir eine Bühnen-Persona zulegen kann oder will, aber es geht nicht, dafür bin ich nicht gemacht: ich fühle mich im Gegenteil ganz ich-selbst auf der Bühne, und genieße das auch. Ich will alles durch mit durch lassen, was ich in die Musik geschrieben hab, mit meinen Musiker*innen eine musikalische Einheit bilden, jeden Ton, den ich singe und spiele, überblicken. Ich will jede Geschichte, die ich erzähle, jede Emotion, die zwischen mir und dem Publikum entsteht, (mit-)gestalten. Die Verantwortung für den gemeinsamen Abend trage ich so weit und tief ich kann.

Und mit meinen Kindern, das muss ich wohl nicht dazu sagen, hab ich auch keine Persona. Hier hab ich die Verantwortung zwar auch über meinen Ton und unsere Stimmung, und das ist wichtig. Darüber hinaus aber auch darüber, dass der Welt mit Neugier und Freundlichkeit begegnet wird, dass außerdem niemand die U-Bahn-Haltegriffe zum Turnen verwendet, nichts abgeschleckt wird, was nicht zum Abschlecken gemacht wurde, dass der kindliche Fahrrad-Bremsweg vor der Ampel früh genug beginnt, kurz: über das leibliche und seelische Wohl dieser Kinder, ihr in-der-Welt-sein, Tag und Nacht. Und darüber, dabei ich zu bleiben und mich nicht zu überfordern mit den eigenen Ansprüchen, aber das ist wohl einen eigenen Blog-Eintrag wert (ach ja, und eh auch ein eigenes Lied).

Das ist übrigens ein Grund dafür, warum mein Blog-Eintrag ein paar Tage gedauert hat. Mein Mann und ich versuchen, die Care-Arbeit so gut es geht gerecht aufzuteilen, und wenn ich Konzerte habe, übernimmt er die Tage davor, während derer ich probe und mich vorbereite, und am Tag nach dem Konzert übernehme ich wieder.

Die große Parallele ist der große Widerspruch: uneingeschränkte Aufmerksamkeit

Es gibt also Parallelen: Konzerte und Kinder sind höchstpersönliche und emotionale Herausforderungen, bergen große Anstrengungen und größte Freude in sich. Und eben deswegen sind diese Rollen nicht im selben Moment vereinbar: beide brauchen meine uneingeschränkte Aufmerksamkeit. Alles, was ich in der Peripherie wahrnehme, wird dem Singen und Spielen und Stimmung-Fühlen untergeordnet, wenn ich auf der Bühne bin. Und wenn ich mit meinen Kindern unterwegs bin, wird alles, was ich in der Peripherie wahrnehme, meiner Verantwortung für sie untergeordnet.

Dass ich also ein Konzert gebe, bei dem meine Kinder anwesend sind, funktioniert nur, weil sie mit jemandem da sind, der die volle Verantwortung für sie übernimmt und übernehmen kann. Das war am Mittwoch der Fall, und deswegen konnte ich mich gut auf das Konzert konzentrieren. Bis auf diesen einen Moment eben. Da, kurz, ganz kurz, ist meine Aufmerksamkeit gewankt, und konnte sich nicht entscheiden, nach dem kurzen Intermezzo wieder ganz Bühnenmensch zu sein. Und meine Finger haben eine Minute gebraucht, um sich wieder an das zu erinnern, was sie wissen.

Es war mir unangenehm, den roten Faden für ein paar Momente verloren zu haben, aber auch ein wertvoller Moment für mich: da gibt es noch viel zu lernen. Und etwas zu erinnern: ich kann nicht nur „nicht mehr sein als ich bin“. Ich kann auch nicht in einem Moment alles gleichzeitig umsetzen, was ich kann und weiß und will. Niemand kann das. Und das ist auch gut so, weil manche Dinge unsere volle Aufmerksamkeit verdienen.

Meine ungeteilte Aufmerksamkeit war in den letzten Tagen größtenteils wieder bei den Kindern.

Und ich freu mich darauf, meine volle Aufmerksamkeit bald wieder mit meiner Band und mit euch zu teilen.

Habt derweil einen wunderschönen Sommer,

Violetta

PS.: Wenn ihr euch auch schon auf’s nächste Konzert freut – es gibt auch ein paar Solo-Sachen in den kommenden Wochen – und informiert werden wollt: hier geht’s zu meinem newsletter.