Älterwerden

Als ich 5 war, war ich tapfer, weil ich dachte, ich sei falsch, nicht die Welt um mich. Ich hatte eine Stoffrobbe, die für mich viele Abenteuer mit abbrechenden Eisschollen erduldete.

Mit 6 wusste ich nicht, wie ich es je schaffen würde, nicht mehr ins Bett zu machen. Besonders die Frage, wie ich damit als Erwachsene umgehen würde, machte mir Sorgen. Ich wusste noch nicht, dass alles vorbei geht, manchmal früher als man ahnt.

Mit 9 sehnte ich das Erwachsen-Werden herbei, um endlich tun zu können, was ich wollte.

Als 11-jährige hatte ich epische Lachkrämpfe, wenn ich etwas lustig fand. Ich rutschte vom Sessel und saß kichernd unterm Tisch. Es gab kein Halten. Alles befreite sich in meinem Lachen.

Mit 14 dachte ich, ich wäre das einzige Mädchen, das noch keinen richtigen Kuss erlebt hatte. Ich fragte mich, ob ich das überhaupt kann. Geübt hätte ich gerne, aber mit wem oder was? Als es dann ein paar Monate später soweit war, war ich erleichtert, dass es gar nicht so peinlich war wie ich befürchtet hatte. 

Mit 15 war ich sicher, ich sei ganz anders als alle anderen. Geküsst habend oder nicht: die einzige andere. Ein sehr einsamer Gedanke, von dem ich erst später realisierte, dass sehr viele andere ihn auch gedacht haben.

Mit 16 realisierte ich, dass ich wohl weiter eine Spätzünderin bleiben würde. 

Mit 17 wurde mir klar, dass ich singen wollte.

Mit 18 verlor ich meine Stimme, und mir wurde gesagt, dass meine Stimmbänder nie für’s Singen taugen würden. Ich hoffte, in der Philosophie zu finden, was ich suchte.

Mit 19 fand ich eine Verbündete.

Mit 20 hatte ich gelernt, meine Stimme besser zu verstehen und zu verwenden. Eines Abends drehte mir der DJ, zu dessen Platten ich sang, das Mikrofon ab. Während ich sang. Auf der Bühne. Ich war traurig und wütend, so wütend. Ich dachte mir: dem zeig ich’s noch. 

Mit 21 rasierte ich mit der Hilfe meines Freundes Alex meine Haare ab, und erkannte die glatzköpfige Frau im Spiegel kaum. Eines Tages fragten mich zwei Touristen, ob ich ein Mädchen oder ein Bub sei. Ich fühlte mich wohl in dieser Uneindeutigkeit.

Mit 22 verbrachte ich viele Tage in Plattenläden, die Nächte singend hinterm DJ-Pult. Ich hatte endlich etwas Einzigartiges für mich gefunden. Manche Abende waren fulminant, andere vor allem sehr sehr lang. Meine Selbstzweifel waren riesig. Ich wollte ja ganz eigene Musik machen, aber ich fand den Eingang dazu nicht. Ich probierte verschiedene Türen, hinter denen nur Vorzimmer wohnten.

Mit 23, nach einem großartigen Gig und einer langen Nacht, verlor ich zum zweiten mal meine Stimme. Ich hörte zu singen, einige Zeit sogar zu sprechen auf.

Mit 24 legte ich meine Diplomprüfung ab und schämte mich dafür, nicht wirklich durchdrungen zu haben, was ich 5 Jahre lang studiert hatte. Ich fand meine Stimme wieder, erarbeitete sie mir; wollte so gerne Gesang studieren, war aber überzeugt davon, dafür jetzt zu alt zu sein. 

Mit 25 verstand ich, dass ich vor meiner eigenen Größe Angst hatte, konnte dieses Verständnis aber nicht umsetzen. Es war mir vertrauter, mittelklein zu bleiben. Ich wollte immer noch Gesang studieren, fühlte mich aber jetzt definitiv zu alt.

Mit 26 besorgte ich mir ein Klavier, und begann, Songs zu schreiben, wenig wissend, viel lernend. Ich fand jemanden, der mich auf dieser Reise begleitete.

Mit 27 lernte ich Meditation kennen und The Power Of Now. Amma umarmte mich zwei mal. Meine Wut war monatelang verflogen. Ich konnte eine Weile aufhören, mich und alles andere ständig zu bewerten.

Mit 28 hatte ich das Gefühl, dass alle mir nah sein wollten. Meine Unsicherheiten blieben davon unberührt, aber für das Abschließen eines Plattenvertrages war dieses Gefühl hilfreich. Ich war mir sicher, dass ich nie jemanden finden würde, den ich lieben wollte und dessen Liebe mir nicht zuviel war. Ich wollte mich nicht hergeben, es war mir zu anstrengend; oder zu gefährlich.

Mit 29 verliebte ich mich in jemanden, der mir nicht zuviel war. Ich war ihm zuviel. Glücklicherweise änderte sich das wieder. 

An meinem 30. Geburtstag schrieb ich ein Lied über die Zeit und Energie, die ich damit verschwendet hatte, so sein zu wollen, wie ich glaubte, dass man mich haben wollte. „I was a pleasant child. All quiet and mild. And since I was so lovely, everyone loved me, that’s what I didn’t want to compromise.“ Ein halbes Jahr später teilte ich meinem Freund mit, dass ich nie Kinder würde haben wollen. Es vergingen nur wenige Wochen und ich begann, mich zu übergeben, und mich ständig müde zu fühlen. Meine Freundin Anita kam mit einem Schwangerschaftstest vorbei. Als ich meinem Freund sagte, dass ich schwanger sei, hatten wir beide Angst, dass der jeweils andere das Kind nicht wollen könnte.

Mit 31 bekam ich ein Kind und war sicher, dass ich so eine Geburt kein zweites Mal überleben würde. Ich hatte Angst: vor dem Tod, vor der Dunkelheit, davor, etwas falsch zu machen. Ich konnte nicht schlafen. Unser Kind war stark und schön, ein Wunder, pure Liebe.

Mit 32 begann ich mit einer Gesprächstherapie und fand den Boden unter meinen Füßen wieder.
Es war eine dichte Zeit: es gab so unendlich viel zu lernen, jeden Tag. 

Mit 34 bekam ich unser zweites Kind. Es war stark und schön, ein Wunder, pure Liebe. Diesmal mit weniger Angst und Schmerz. Ich lernte langsam, dem Leben mehr zu vertrauen. 

Mit 35 machte ich eine Bühnenpause. Ich hatte der Welt nichts zu sagen.

Mit 36 fragte ich mich, ob ich jetzt zu alt sei für den Musikbusiness.

Mit 37 kehrte ich auf die Bühne zurück. Ein Teil von mir war wieder zuhause. Es fühlte sich so gut an. Die Angst vor meiner eigenen Größe verstand ich diesmal mit Haut und Haar.

Mit 38 initiierte ich mein erstes Crowdfunding und konnte damit mein Album finanzieren. Eines Tages saß ich in einer Jury und verbrachte danach viele schlaflose Nächte. Menschen, die sich mit all ihrer Verletzlichkeit auf eine Bühne stellen, mit Punkten zu bewerten, fühlte sich grundfalsch an. Hatte ich mutige Menschen entmutigt? Ich dachte an den DJ, der mir damals mitten im Satz das Mikro abgedreht hatte. An die Scham und die Wut. Aber auch den starken Willen, der in mir klar wurde.

Mit 39 veröffentlichte ich 9 einhalb Lieder und verstand, dass meine Verletzlichkeit und Ehrlichkeit darüber meine größten Stärken sind. Außerdem verstand ich, dass egal, wie gut etwas ist, wie sehr die Kritiker es lieben, wie viele e-mails voller Dankbarkeit dir deine Hörer*innen schreiben, ein Algorithmus keine Texte versteht. Ich lernte, Nähe über einen Bildschirm zu spüren, und gleichzeitig, dass diese Art von Nähe nie eine Umarmung ersetzen kann.

Ich werde jetzt bald 40, das Leben fängt von Neuem an. Ich kenne mich selbst besser, ich verstehe mehr, gleichzeitig weiß ich, dass es noch unendlich viel zu lernen gibt. Ich weiß, dass mein Glück nicht von meinem öffentlichen Erfolg abhängt. Ich weiß, dass mein Glück in der Verbundenheit mit der Welt und den Menschen, die ich liebe, liegt. Ich bin froh, dass meine Musik gehört wird und berührt.

In jedem Moment bin ich alles, was ich war. Älter werden heißt innen wachsen. Innen größer werden. Mehr Mitgefühl entwickeln, für mich selbst und alle anderen. Die Zahl 40 macht mir nichts. Alter in Zahlen finde ich nur bedeutsam, wenn mir etwas weh tut. Und wenn mir etwas weh tut, tut’s sowieso weh, egal wie alt ich bin.

Foto © Helena Wimmer www.helenawimmer.com

Comments: 4

  • Gabi

    Antworten 16/10/202009:33

    Jedes Leben ist im Rückblick ein Roman, so spannend, bezaubernd und aufwühlend wie „Vom Winde verweht“. Wir schreiben alle unsere eigenen oscarreifen Werke und schön wäre es, am Ende unserer Tage, dem eigenen Leben einen fulminanten Schlussapplaus zu gönnen. Vielen Dank für deine Lebensstationen, dein Text macht Lust, die eigenen wieder etwas aus der mentalen Ablage zu holen!

  • Carmen

    Antworten 17/10/202011:05

    Liebe Violetta,

    seit ich Dich, Dein Denken, Deine Texte und Lieder vor ziemlich genau einem Jahrzehnt kennen lernen durfte begegnest Du mir irgendwie immer im richtigen Moment mit Deinem Mut – und ermutigst mich darin, weiter selbst mutig zu sein. Danke dafür. Ich glaube, wir dürfen nie unterschätzen, was das Schreiben und Sprechen über die eigene Verletzlichkeit und Unsicherheit mit unseren zuhörenden, lesenden Gegenübern machen kann. One is feeling alone with something-two are a crowd empowering each other – wenn es nach mir ginge, dann sollten alle Radios Deine Musik auf und ab spielen, Du hättest Deinen eigenen Podcast im Radio und einen Bestseller in den Buchläden. Das schreibe ich nicht, weil ich irgendetwas auf- oder abwerten will oder kann – sondern weil ich mir selbst oft wünsche, dass mir Menschen, die mir so etwas Jahre später sagen/ schreiben – mir das damals gesagt / geschrieben hätten, als ich mit mir (einmal wieder) so gar nicht klar gekommen bin aber von außen wohl den Anschein machte. Ich drücke Dich aus Berlin und hoffe, Dir bald auch wieder ganz „in Echt“ begegnen zu dürfen- auch wenn sich das hier schon ganz schön nah an einer in-Echt-Begegnung anfühlt, für mich. 🙂

Leave a Reply