2025: Midlifecrisis pt I
es ist September 2026, und ich beschäftige mich wieder einmal mit meiner newsletter-schreib-Pflicht, und da realisiere ich, dass ich in den letzten Monaten keine Newsletter mehr in meinen blog kopiert habe. also kommt hier einmal einer, den ich letzen Herbst geschrieben habe, während ich mich innerlich mit midlifecrisis pt II beschäftige (wer weiß, was noch kommt)
ein mini-memoir zum Thema midlife-crisis-part-one oder:
was ich im Kopf schon wusste, ist mir in den Bauch gerutscht, oder, besser:
mitten ins Herz.
Weil man als Musikerin ständig nächste Schritte planen muss, denke ich regelmäßig über meine nahe und fernere Zukunft nach. Die meiste Zeit bin ich glücklich mit der grundsätzlichen Entscheidung, als selbstständige Musikerin und one-woman-show durch’s Leben zu gehen, den roten Faden meines Musikmachens alleine zu halten, die guten Zeiten zu feiern und die schlechten Zeiten als Material zu begreifen. Dieses Jahr aber hat meine innere Sicherheit gewackelt. Ich hatte mein Album für die Musikbusiness-Zeitrechnung sehr kurzfristig veröffentlicht, und wegen eines Booking-Agentur-Wechsels keine direkt darauf folgende Tour geplant. Den Fehler mach ich nicht mehr, weiß ich jetzt. Ich hatte das Gefühl, zwei Jahre Arbeit in die Welt zu schießen und nichts zurück zu bekommen. Das stimmt natürlich nicht: es kamen e-mails und Kommentare und Postkarten und viel Liebe; aber das, was eine Tour für mich ist, nämlich Belohnung für langwierige Arbeit, blieb diesmal wegen eines argen Planungs-Fehlers (zu großen Teilen bestehend aus meiner eigenen Ungeduld) einfach aus. Meine Sicherheit wurde plötzlich locker: das Booking einer Tour war so kurzfristig schwierig, das Presse-Feedback gut aber wieder einmal ohne Single in Formatradio-Rotation, und meine Zweifel wuchsen und wuchsen.
Im Sommer, ich war die meiste Zeit mit meinen Kindern, konnte ich alles loslassen. Ich tingelte mit den Kindern durch Berlin, über österreichische Berge, und zu allerlei Schwimm-Gelegenheiten, genoss das Zugfahren, fühlte mich glücklich und genau richtig. Und mein berufliches Leben war auf Klavierspielen und Singen und ein paar schöne Konzerte beschränkt. Promo, Social Media, Aufnahmen, Networking legte ich über den Sommer einfach auf Eis. Das fühlte sich insgesamt so an, als hätte ich mein Zweifel-Tal erfolgreich durchschritten und midlife-crisis-part-one erledigt.
Doch dann kam der September. Und mit ihm social-media-Pflichten, Proben, Konzerte, offene Booking-Fragen, Mühe Mühe Mühe, das alles zu einem roten Faden zu verspinnen. Und plötzlich war ich wieder mitten im Zweifel, so arg wie schon seit Jahren nicht mehr. Ich fühlte mich klein und irrelevant und so unglaublich erschöpft. Und ich schämte mich. Denn das, was uns erzählt wird als Erfolgsgeschichten im „Musikbusiness“ (oh wie sehr mir dieser Begriff widerstrebt), von Medien und voneinander, kann ich über mich nicht (mehr) erzählen. Und plötzlich – angestoßen vom unerfüllten Album-Hoch – bedrückte mich das ganz und gar. Ja, ich fülle mit meiner Musik weder Hallen, noch stürmen meine Songs die Charts. Das weiß ich ja schon, und es ist ok, weil die kleineren und mittelgroßen Konzerte, die ich meistens spiel, mir entsprechen und mich erfüllen. Meine Musik passt auch nicht ins Formatradio, und ich denke nicht im Traum daran, meine Vision für so eine Kompatibilität zu kompromittieren. Und trotzdem war ich mir plötzlich nicht mehr sicher, ob ich stabil genug für dieses Leben voller Unsicherheiten bin.
Selbst ein unglaublich schöner Abend im vollgestopften Porgy&Bess milderte meine Zweifel nicht.
So. Und weil Glück somit offenbar nicht nur von den äußeren Umständen sondern vor allem von der Perspektive darauf lebt, muss ich den zweiten Erzählstrang öffnen. Ich bin seit ein paar Jahren in Traumatherapie, alle zwei bis vier Wochen sitze ich auf der Couch einer großartigen Therapeutin und lerne meine Vergangenheit und ihre Verstrebungen in meine Gegewart kennen. Meine Kindheit war geprägt vom Tod meiner Mutter, und trotz der wunderbaren Menschen um mich herum hat dieser Tod tiefe Spuren hinterlassen. Also arbeite ich das auf, und zwar mit vollem Einsatz (ihr könnt meine Therapeutin fragen:) und viel Aufmerksamkeit. (Praktischerweise verarbeite ich einen Teil dessen, was ich in der Therapie lerne, in meinen Songs, das ist quasi der Segen meines Lebens: das, was ich für mein Wohlbefinden brauche, bereichert meine Arbeit. Dass mein tief-in-mich-reingreifen zu Songs wird und ihr euch darin wiederfindet, ist das Sahnehäubchen (Obers-Gupferl?).)
Im Rahmen dieser Arbeit bin ich bzw. meine Therapeutin drauf gekommen, dass meine ganzen hässlichen midlife-crisis-part-one-Gefühle verbunden sind mit Gefühlen, die ich als Kind hatte, als ich als einziges mutterloses Kind in die Schule kam und mich mit dem tiefen schwarzen Trauer-Loch in mir und meiner ungewöhnlichen Familien-Situation so anders fühlte als die anderen, dass ich mich schämte. Und glaubte, was Kinder in solchen Situationen eben glauben: dass es ihre eigene Schuld sei. Wenn die Welt so schmerzhaft ist, dass es kaum auszuhalten ist, ist das hoffnungslos, aber wenn man die Schmerzhaftigkeit verinnerlicht und sich denkt, man wäre selbst schuld, dann gibt einem das Handlungsspielraum: weil man sich selbst ja verändern kann, nicht? Natürlich folgt dann ein ganzes Leben voller Bemühung, es „richtig“ zu machen. Aber dafür gibt es kein Ende, es hört nie auf, wir bemühen und bemühen uns, aber das schwarze Loch bleibt, es lässt sich kurzeitig verdrängen, aber nicht auf Dauer. Weil es von Anfang an ein Missverständnis war, dass „alles gut“ wird, wenn man sich nur genug bemüht. Was nun aber tatsächlich hilft, ist Therapie, in meinem Fall: Traumatherapie. Meine Scham ob meines vermuteten Misserfolgs hab ich also in die Therapie gebracht, schon im Frühjahr. Und nach einem halben Jahr der Beschäftigung mit diesem Scham-Thema hatte ich Anfang Oktober eine Sitzung, die mir das Herz geweitet und den Kopf klargefegt hat. Das WIE kann ich kaum erklären. So eine Therapie arbeitet an den Worten vorbei mit dem Körper, und das ist auch gut so, weil da alles Mögliche gespeichtert ist, was wir erlebt, vermisst, gefühlt haben. Wie genau alte Schmerzknoten gelöst werden, ist aber wohl für jede Person anders.
Jedenfalls hab ich realisiert, dass ich meinen Weg auch ohne Heldinnengeschichte gehen darf, dass ich meine Musik auch ohne Charts-Gratification machen darf, dass mein Singen auch außerhalb der großen Venues Herzen füllt und Gedanken ankurbelt. Dass mein Projekt gut ist, auch wenn es nicht riesig ist. Und dass es auch gut ist, wenn es nicht mehr riesig wird. Vielleicht ist es das, was ich jetzt losgelassen hab, so schmerzhaft es ist: die Hoffnung auf die Erfüllung der Heldinnen-Erzählung. Und vielleicht kann ich jetzt meinen Weg gehen, ohne zu glauben, er sei noch nicht genug.
Ich denke, mein Musikerinnen-Sein war immer schon eine Flucht nach vorne, spätestens seit meinem ersten deutschen Album ist das auch hörbar. Und irgendwie bin ich stolz auf die kleine Violetta in mir, dass sie diese Flucht nach vorne angetreten hat. Und ich weiß durch euer Feedback, dass dieser Weg auch für manche von euch fruchtbar ist, und das gibt mir, ja, kitschig, I know, aber wahr: Trost. Danke.
Diesen Herbst ist also etwas, was in meinem Kopf und in meinem Leben schon lange vorbereitet war, in mein Herz gerutscht, und jetzt fühlt sich’s so weit an wie noch nie. Ich kann also berichten: es zahlt sich aus, weiterzugraben, unangenehme Gefühle als Wegweiser zu begreifen, und sich von den großen Erzählungen unserer Gesellschaft zu befreien, wenn sie einem nicht und nicht passen wollen. Ich glaub, das gelingt mir jetzt besser denn je. Ich will nicht ausschließen, dass midlife-crisis-part-two kommen wird, aber der Boden, auf dem ich meinen Weg sich schlängeln sehe, fühlt sich fester und zweifelloser an.
So. Und jetzt fühl ich mich, als hätte ich euch hier meine gesamte Lebensgeschichte erzählt, das war wahrscheinlich der längste Newsletter meines Lebens, uff, ja, also danke euch für eure Aufmerksamkeit.
Habt einen wunderschönen November!!
Violetta
No Comments